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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Bietet dieser jämmerlichen Gestalt nicht die Chance, sich wie Che Guevara zu fühlen

M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Bietet dieser




Noch vor wenigen Tagen haben mein Freund Oliver und ich uns über die Polizisten vor der Berliner Synagoge unterhalten. In unseren Worten klang leises Bedauern darüber, bei Wind und Wetter ohne Ablenkungen wie Smartphones dort stehen zu müssen, Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Abstellung allerdings hatten wir nicht. Im letzten Jahr um diese Zeit hat Oliver ein Buch veröffentlicht. “Gegen Judenhass.” Er wusste, warum.kurzbio beisenherzEin Mann hat am jüdischen Feiertag Jom Kippur einen Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Halle verübt. Dass er es nicht wie geplant in das Gebäude hineingeschafft hat, ist nicht der Polizei zu verdanken – die Synagoge war nicht geschützt –, sondern den Sicherheitstüren, die zum Glück deutlich stabiler waren als der Geist des Täters, der enttäuscht über das Misslingen des Terroraktes stattdessen recht wahllos eine Passantin und einen Mann in einer Dönerbude erschoss. In seinem Hass gab es nur flache Hierarchien.”Juden”, “Kanaken”, eine Synagoge, wenn möglich, eine Moschee hätte es auch getan, Hauptsache, diejenigen auslöschen, die das deutsche Volk bedrohen oder – hallo, zionistische Weltverschwörung – “als geheimer Bund da oben die Strippen ziehen”!Nichtbeachtung ist die größte StrafeDass wir wissen, was da im Kopf des Nazis vorging, liegt daran, dass er sowohl ein Manifest hinterlegt hat, als auch die ganze Tat live bei Twitch gestreamt hat, also ganz ähnlich dem Vorbild aus Christchurch, der die Kraft der sozialen Netzwerke für sich und seinen “feigen Anschlag” (gibt es auch einen mutigen Anschlag?) zu nutzen wusste. Haben Deutsche Medien daraus gelernt? Manche schon. Nicht alle.So darf man schon die Frage stellen, wie ernst es zum Beispiel einem “Bild”-Chefredakteur ist, der bei antisemitischen Anschlägen wortreich und ausdrucksstark ein “Nie wieder!” fordert – nur, um auf derselben Seite direkt darüber den Täter, dessen Taten, seine Gedanken so prominent zu platzieren, dass jeder asoziale Irre hier einen klaren Publicity-Anreiz sehen muss.Was wir warum zeigen_17.30UhrSpätestens seit Utoya hätte uns allen klar sein müssen: Ein Mindeststandard, auf den wir uns einigen sollten, diesen jämmerlichen Gestalten nicht noch die Chance bieten, sich wie Che Guevara zu fühlen. Nichtbeachtung ist die größte Strafe. Und die Sprache, die sie gelernt haben.Auch die “Welt” muss sich die Frage gefallen lassen, worin der Sinn liegt, bei Youtube einen Beitrag zu streamen mit dem Titel “HASS IN HALLE: Irrer Nazi-Killer scheiterte kläglich an Synagogen-Tür”. Freut ihr Euch alle auch schon so auf “Bild”-TV?Die Ein-Mann-Miliz von Halle wähnte sich auf sicherem GrundWas wissen wir? Wissen wir, ob der Mann ein “Einzeltäter” war? Oder doch Teil eines rechten Netzwerks? Dass es diese gibt, belegte zuletzt der Mord an Walter Lübcke. Was beim Verfassungsschutz in dieser Frage alles versäumt wurde, das wiederum lässt der Twitter-Account von Hans-Georg Maaßen sachte vermuten.Für die Tat von Halle erscheint mir all das aber gar nicht entscheidend, denn in einem gesellschaftlichen Klima, in dem jemand wie Andreas Kalbitz vielen Menschen als Ministerpräsident wählbar erscheint, wähnen sich Ein-Mann-Milizen wie der Attentäter von Halle auf sicherem, gesellschaftlich legitimierten Grund.Halle Stimmung am Abend 8.13So muss man die geschäftsmäßige Fassungslosigkeit eines AfD-Spitzenmannes wie Björn Höcke, der bass erstaunt postet “Was sind das nur für Menschen, die anderen so etwas antun?” korrekterweise beantworten mit: vermutlich Deine Fans.Wer über Jahre hinweg ein Klima der Bedrohung, des Staatsversagens, der Umvolkungspanik schürt, sollte nicht allzu erstaunt gucken, wenn der ein oder andere Glutbürger von sich aus losmarschiert, weil ihm das mit der alternativen Machtergreifung nicht zügig genug geht – und ohnehin war das mit den Juden damals ja nur ein “Vogelschiss”. So what?Warum nicht mal Juden auf der Straße angreifen, jüdische Restaurants anzünden oder Synagogen sprengen? Ist es wirklich so angebracht, Geschichte aus dem Stundenplan deutscher Schüler zu streichen?AKK belegt ihre Kanzlerinnenuntauglichkeit – wieder einmalDass CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Substanz einer genovesischen Autobahnbrücke diese Tat zum “Alarmsignal” verbeamtet, ist lediglich ein weiterer Beleg ihrer völligen Kanzlerinnenuntauglichkeit. Als ob es dessen noch bedurft hätte.Fußball-Fan stört Schweigeminute für Opfer von Halle – “Halt dieWeder sie, noch Maas oder andere Spitzenpolitiker vermochten es an diesem Abend, den richtigen Ton zu treffen. Dies gelang am Rande des Länderspiels Deutschland-Argentinien in Dortmund ausgerechnet einem deutschen Fußballfan. Als sich während der Schweigeminute in Gedenken an die Opfer ein asozialer Volltrottel genötigt sah, die andächtige Stille durch das Gröhlen des Deutschlandliedes zu unterbrechen, entfuhr einem beherzten Fan ein kräftiges “Halt die Fresse!”.Danach war Ruhe. Der dunkelhäutige Serge Gnabry schmunzelte. Das Stadion applaudierte. Nicht wenige kürten den couragierten Fan daraufhin im Netz zum Man of the Match.Es war das ehrlichste “Nie wieder!”, das ich gestern gehört habe.



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Publish date : 2019-10-10 13:39:16

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